Cloud Atlas
Gelesen vom 01. März bis 05. April 2013
~15 Seiten am Tag, aber man muss mir zu Gute halten, dass ich ja auch den
wohl stressigsten Monat ever hatte. Und außerdem habe ich ja neulich erst den
Film gesehen, also wusste ich von vornherein, was passiert. Wer inhaltliche
Informationen haben möchte weil er meine Review zum Film nicht gelesen hat,
sollte das unbedingt hier nachholen, denn das ich ausführlich genug. Prinzipiell
ist das Geschehen nicht groß verändert worden, abgesehen von ein paar
Schauplätzen. Bspw. spielt die Storyline des schwulen Komponisten nicht in
Schottland sondern Belgien usw., aber das tut der Handlung keinen Abbruch
sondern dient eher einen anderen Zweck - dazu später mehr.
Was mich an dem Buch am meisten begeistert hat war die Aufteilung bzw. der
Schreibstil. Die 6 verschiedenen Geschichten waren nicht wie im Film in endlos
viele kleine Ausschnitte gesplittet, sondern jeweils in der Hälfte geteilt.
Naja, alle bis auf die post-apokalyptische, die ist in der Mitte als Ganzes,
bevor die Reihenfolge sich dann rückwärts fortsetzt. Man muss sich das also so
vorstellen: 1 2 3 4 5 6 5 4 3 2 1. Der einzige offensichtliche Bezug, den die
einzelnen Teile dabei aufeinander nehmen, ist die Tatsache, dass das jeweils
vorrangegangene Werk vom aktuellen Protagonisten gelesen wird. So findet bspw.
Frobischer (der Komponist) das Reiseragebuch von Adam Ewing, Luisa Rey liest
die Briefe von Frobisher an Sixsmith, Cavendish liest den Roman über Luisa Reys
Abenteuer usw. - aber alle haben jeweils immer nur Zugriff auf die erste
Hälfte. In der jeweils zweiten Hälfte der Storyline taucht dann die Fortsetzung
auf, was auch die rückwärtslaufende Reihenfolge erklärt. Kompliziert, aber
klug, denn man fühlt sich als Leser dadurch eher eingebunden.
Dann zum Schreibstil: Umwerfend! Die 6 verschiedenen Handlungen spielen ja
offensichtlich in 6 verschiedenen Zeiten. Das ist allerdings nicht der
Hauptunterschied: Zwar handelt es sich bei allen um Schriftstücke, aber Adam
Ewings Geschichte ist ein Tagebuch, Frobisher schreibt Briefe, Luisa Reys
Geschichte ist ein Kriminalroman, Cavendishs eine Autobiografie, die mit den
Klonen ein Interview und das post-apokalyptische eine Geschichte, die ein alter
Mann seinen Enkeln erzählt. Und genauso ist der jeweilige Teil auch
geschrieben. Wer schon mal zB Dracula gelesen hat, oder Sherlock Holmes, oder
irgendwas aus der Zeit kennt diese Tagebuch-Schreibweise. Irgendwie nicht ganz
realistisch weil zu detailliert, aber ebenfalls voll von Banalitäten,
persönlichen Eindrücken und Meinungen; ein Tagebuch eben. Unter Briefen sollte
sich jeder was vorstellen können; der Kriminalromanteil ist sehr prägnant und
kurz gehalten, mit kurzen Kapiteln die mehr an Filmszenen erinnern. Die Memoiren
sind dagegen ausschweifend und brechen quasi die vierte Wand, also sprechen den
Leser aktiv an (wir haben mal im Englisch LK darüber gesprochen aber ich hab
vergessen, wies heißt - Lis, weißt dus noch?), und so weiter und so fort. Dabei
sind es auch Kleinigkeiten, die in der Erzählweise verändert wurden und es
dadurch tatsächlich so wirken lassen, als hätten alle 6 Geschichten
unterschiedliche Autoren, und nicht bloß den einen. Beeindruckend, wirklich
beeindruckend, und alleine deswegen extrem lohnenswert!
Was die mysteriösen Widergeburts-Zusammenhänge betrifft, die ja im Film so
toll durch die gleichen Schauspieler in unterschiedlichen Zeiten dargestellt
wurden: Das ist im Buch viel weniger offensichtlich. Anstatt eine große Nummer
drauß zu machen haben die Charaktere hier bloß manchmal ein komisches Gefühl,
wenn sie mit Objekten der Vergangenheit in Verbindung kommen, und alle haben
eben das gleiche Muttermal irgendwo am Körper, aber das wars dann auch. Das ist
ganz schön, denn dadurch hatte ich weniger den Eindruck, das Buch wollte dem
Leser gewaltsam etwas mitteilen und ich habe ein essentielles Element verpasst
und verstehe es deswegen nicht richtig. Und in diesem Zusammenhang auch meine
Theorie, weshalb manche Schauplätze geändert worden: Ganz einfach um einen
offensichtlicheren Zusammenhang zwischen den unterschiedlichen Storys zu
etablieren. So ist beispielweise das Altenheim im Film das gleiche Haus, in das
Frobisher zieht um für Vyvyan Ayers zu arbeiten. Ayers wird zB auch vom
gleichen Schauspieler gespielt wird wie Cavendish, der ins Altenheim
abgeschoben wird - Kontinuität. Oder Jim Sturgess spielt beides Mal einen Mann,
der sich gegen die Unterdrückung verschiedener Gruppierungen auflehnt - einmal
als Adam Ewing und dann bei den Klonen. Im Buch kann man das natürlich nicht so
deutlich machen, denn hey - keine Schauspieler. Aber durch die Unterschwelligen
Andeutungen wird einem die Widergeburtssache nicht so ins Gesicht geworfen und
man wundert sich viel eher über die kleinen Details: Ist das jetzt ein Hinweis,
oder...?
Abschließend kann ich das Buch also nur empfehlen, selbstverständlich mehr
als den Film denn hallo - es ist ein Buch!, aber auch weil das Lesen nicht bloß
wegen der Geschichte Spaß macht. Wie der Film auch ziehen einen nicht die
einzelnen Geschehnisse in den Bann, sondern vielmehr die Art und Weise der
Erzählung. Man sollte also tatsächlich am besten beides lesen/schauen, aber
natürlich zuerst das Buch.
Zuletzt: Stardust
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