Freitag, 3. Januar 2014

Sherlock 3x01



Also eigentlich wollte ich das gar nicht posten, aber here we go.
 
Also, ich muss ehrlich sagen, als ich die Folge Sonntagabend mit Anne und Lisa live verfolgt habe, war ich irgendwie ziemlich enttäuscht und alles andere als gefesselt. Die ganze Geschichte wirkte gezwungen, durcheinander und einfach nicht wie die restlichen sechs Folgen. Irgendwas war anders, und diverse Dinge haben mich ziemlich gestört. Ich habe die Folge seitdem noch mal angesehen und meine Meinung ein wenig geändert, aber überzeugt bin ich nach wie vor nicht.
Ich werde mal nicht chronologisch vorgehen, sondern meine Aufhänger nach persönlicher Wichtigkeit/Bedeutung staffeln, und fange dabei mal mit den Punkten an, die ich nicht mittlerweile entschuldigt habe.

  1. Die Fälle nebenbei.
    Ja, wir brauchten einen Fall; einen Plot, denn wir haben hier ja immerhin eine Crime-Serie. Hätte die Folge sich voll und ganz darauf konzentriert, wie John und Sherlock miteinander umgehen, nachdem er wieder zurück ist, hätte ohne Frage etwas gefehlt. Aber nichts desto trotz wirkte die ganze Geschichte auf mich merkwürdig gezwungen und unkonzentriert. Es ist ja keine neue Einführung, dass mehrere Fälle parallel ablaufen; schauen wir uns nur mal The Great Game an. Das hier allerdings a) John schon direkt wieder entführt wurde und sein Leben scheinbar grundlos in Gefahr gebracht wurde schien hintergrundlos, auch wenn die Wahl mit dem Feuer direkt an Sherlocks Zitat aus A Scandal in Belgravia erinnert: “Amazing how fire exposes our priorities“. Allerdings steht ja außer Frage, dass John Sherlock sehr wichtig ist, eine Priorität eben, das zeigt sein gesamtes Verhalten in der Folge und wir müssen nicht nochmal extra darauf hingewiesen werden, indem John fast stirbt. Wer steckt dahinter? Ebenfalls nicht klar. Und stehen die nun in Verbindung mit dem Kerl, der Guy Fawkes Nr 2 werden wollte? Diese Geschichte hatte ebenfalls ihre Macken. Ich sehe die Nützlichkeit eines solchen Falls für das Fortschreiten der Geschichte, bzw gerade für die vorhandene Ausgangssituation: Es ist komplex genug dass Mycroft sich nicht selbst drum kümmern will, also bringt er Sherlock zurück, um seine Beinarbeit zu erledigen. Auch für die Entwicklung von Sherlocks und Johns „Freundschaft“ war die Endsituation nützlich, das sehe ich mittlerweile. Aber die Phrase “It’s not an underground network, it’s an underground network!“ – cleveres Wortspiel; es ist keine Organisation die sich im Untergrund bewegt, zumindest nicht im konventionellen Sinne – der böse Untergund, der Hintergrund, unterhalb des Gesetzes – sondern vielmehr der wörtliche Underground, eine Bezeichnung für das Londoner U-Bahn System. Aber heißt das nun, der Kerl hat unabhängig gehandelt oder gibt’s es trotzdem ein Netzwerk aus Untergrundlern?
    Über diese komische Leiche und die Jack the Ripper Implikation will ich gar nicht viel reden; nachdem klar wurde, dass das bloß von Anderson inszeniert war, erschien das Ganze bloß noch überflüssiger als es ohnehin war. Insgesamt ein Kuddelmuddel aus scheinbar unzusammenhängenden Fällen; da sind wir von Sherlock eigentlich besseres gewohnt! 
  2.  Anderson und sein Fanclub
    Versteht mich nicht falsch, ich bin in gewisser Weise absolut begeistert von Andersons Entwicklung! Genauso wie Sally Donovan sind beide am Anfang aus Sherlocks Perspektive porträtiert und erscheinen damit als nutzlose/dumme/inkompetente Polizeibeamte. Wenn man sich die Situation aber mal ernsthaft vor Augen führt sind Lestrade und Sherlock diejenigen, die sich falsch verhalten, und Sally und Anderson sind im Recht – Lestrade bringt einen außenstehenden Laien in eine polizeiliche Ermittlung und gefährdet diese damit ohne Frage; egal wie intelligent und nützlich Sherlock vielleicht ist. Und wir wissen alle wie arrogant und unsozial Sherlock ist, und wie er sich gegenüber Außenstehenden von minderem Intellekt verhält. Kann man ihnen die Abneigung also wirklich übel nehmen? Und wie man in Reichenbach Fall gesehen hat waren die beiden maßgeblich daran beteiligt, dass Lestrade Sherlock in Frage stellte. Selbst wenn man ihnen verletzten Stolz vorwirft, was sicherlich ein großer Faktor war, sollte man sie dennoch nicht vollkommen verurteilen. Selbstverständlich erschien es Anderson nun so, als hätte deren Verhalten Sherlock mit dazu animiert, in den Tod zu springen, und als Ausweg aus den Schuldgefühlen fixiert er sich nun voll und ganz auf die Theorie, dass Sherlock nach wie vor am Leben ist; wird regelrecht fanatisch. Extrem interessante Charakterentwicklung, aber trotzdem habe ich ein Problem mit Anderson und seinem Fanclub: Er, zusammen mit seinem Club, symbolisiert die Fangemeinde, die sich über zwei Jahre die verrücktesten Theorien zu Sherlocks Überleben gemacht hat. Anstatt es als netten Wink zu verarbeiten funktioniert Anderson, und gerade der Club, hier allerdings als komisches, witziges Element – ein „oh schau dir diese verrückten Fanatisten und ihre idiotischen Ideen an“. Und ich finde es nicht in Ordnung, dass es so durch den Kakao gezogen wird. Streng genommen ist diese ganze Serie eine gigantische Fanfiction, denn Conan Doyle ist ja eindeutig nicht involviert, inwiefern ist es also okay, sich über die Ideen anderer Fans lustig zu machen? Nicht.
  3. Die Theorien und die nicht vorhandene Auflösung
    Eng im Zusammenhang mit dem vorangegangenen Punkt: Wir bekommen drei Theorien in verschiedenen Stadien der Glaubwürdigkeit, aber keine echte Auflösung. Warum nicht? Andersons ausgedachtes Video am Ende gibt uns eine sehr plausible Erklärung. Nachdem Sherlock „erklärt“ hat, wie er seinen Tod vorgetäuscht hat, kommentiert Anderson das Ganze mit enttäuschend, und „nicht so wie [ich] es gemacht hätte“, und Sherlock reagiert indem er sagt, jeder sei heutzutage ein Kritiker. Nachdem man zwei Jahre lang die Spannung aufgebaut hat und die Fangemeinde, wie schon angesprochen, Theorien ohne Ende entwickelt hat, wäre die Auflösung ohne Frage in gewisser Weise eine Enttäuschung gewesen. Auf diese Art und Weise haben die Schreiberlinge sich also quasi vor der Kritik gerettet, die es zweifelsohne gegeben hätte. Das finde ich allerdings wiederum ärgerlich, und fühle mich irgendwie betrogen. Sicherlich, für die Geschichte ist es eigentlich egal, wie genau Sherlock nun verhindert hat, zu sterben, aber für eine Serie, die so viel Zeit darauf verwendet, unglaubliche Vorgänge und Zusammenhänge in Mordfällen zu erklären und zu glorifizieren erscheint dieser Ausstieg als geschummelt.
  4.  Mary
    Ich sage es jetzt – mit ihr stimmt irgendwas nicht. Ihre anfängliche Reaktion auf Sherlock im Restaurant erscheint natürlich; sie ist geschockt und stellt Sherlock in Frage. Aber alles was danach kommt ist einfach merkwürdig. Anscheinend war sie während der zwei Jahre Trauer an Johns Seite, und hat demnach direkt miterlebt, wie schlecht es ihm ging und was er durchgemacht hat. Sie persönlich hat Sherlock nie kennengelernt und hat wenn überhaupt durch Johns Blog von ihm erfahren (ich denke nicht, dass er viel über Sherlock gesprochen hat). Jetzt steht er plötzlich da und macht auch noch Witze über den Schnurrbart, anstatt auf Knien um Vergebung zu flehen. Wie kann sie da ernsthaft am Ende des Abends schon auf Sherlocks Seite stehen? Wären es in diesem Moment Mycroft, Lestrade, Mrs Hudson oder Molly gewesen, die eindeutig wissen, wie viel John Sherlock bedeutet, hätte man die Sympathie verstehen können, aber eine fremde gegenüber der Beziehung der beiden? Unwahrscheinlich.Trotz allem scheint Mary irgendwie perfekt – ein fröhlicher, offener, liebenswerter Mensch, und selbst Sherlock scheint ihr gegenüber aufgeschlossener als wir das von Johns früheren Schnallen gewohnt sind. Womöglich hat die Erfahrung mich paranoid gemacht, aber ich trau dem Braten nicht. Da kommt noch irgendwas; entweder ist sie selbst eine Böse oder aber sie stirbt gleich wieder. Oder beides.

  5. Sherlock vs John vs Mycroft oder charakterliche Weiterentwicklung
    Jetzt ein Punkt, der mich beim ursprünglichen Anschauen extrem gestört hat, den ich aber mittlerweile einsehe und entschuldige: Sherlocks Verhalten gegenüber John, und speziell die beiden Schlüsselszenen im Restaurant und in der Bahn. Seine witzelnde Art, die ständige Fixierung auf dem Schnauzer und die vorgetäuschte ausweglose Explosions-Situation: Das schien alles completely out-of-character; einfach nicht Sherlock-ig.
    Was war da also los?
    So wie ich das sehe war Sherlock im Restaurant einfach überfordert mit der Situation. Wie er selbst oft genug sagt hat er keine Ahnung von Menschen und menschlicher Natur und Reaktion. Was wir aber außerdem wissen ist, a) das Sherlock ein Angeber und Show-man ist, der sich selbst gerne in Szene setzt, b) keinerlei Erfahrung mit emotionalen Situationen oder dem Umgang mit solchen hat aber c) John sehr gut kennt und eingängig studiert hat. Indem er eine derartige Bombe so komplett ohne Vorwarnung platzen lässt und sich, anstatt sich ernsthaft und ehrlich zu entschuldigen vor allem über John lustig macht, überspielt er seine eigene Unsicherheit und provoziert John zur Wut. Er kann Sherlock beruhigt verhauen und sich komplett darauf konzentrieren, wie wütend er eigentlich ist – etwas, dass ihm in den vergangenen zwei Jahren vermutlich nicht möglich war, denn die Trauer überwog. Damit war dem Ärger Luft gemacht und die Wut war aus dem Weg. Hätte er eine ruhige, intime und dadurch gefühlsbeladene Situation herbeigeführt wäre das nicht möglich gewesen, denn John hätte ihn nicht derartig physisch attackieren und konfrontieren können.
    Weiter im Text kommt die Situation mit dem Zugabteil. Erneut wirkt es so, als hätte Sherlock schlicht Spaß daran, John zu provozieren und zu veralbern, indem er ihm vorspielt, er würde gleich sterben. Tatsächlich inszeniert er diese Situation aber aus völlig anderen Gründen: Wie wir bereits wissen, und uns am Anfang der Folge auch noch einmal gezeigt wird, kann John ebenso wenig mit Emotionen umgehen wie Sherlock, oder aber sagen was Sache ist. Durch den offenbar unmittelbar bevorstehenden Tod der beiden kreiert Sherlock eine Ebene, auf der beide dazu in der Lage sind, ehrlich zueinander zu sein und die Dinge auszusprechen – für ihn die Entschuldigung und für John die Vergebung. Die anschließend folgende doppelte Erleichtung (Wir sind nicht gestorben und wir haben uns ausgesprochen) wiegen eindeutig schwerer als die Verärgerung über Sherlocks Lüge.Was also beim ersten Mal völlig un-charakteristisch wirkte war tatsächlich extrem charakteristisch, und zeigt vor allem wie wichtig es Sherlock war, von John vergeben zu bekommen, und macht deutlich, wie sehr der Charakter seit Beginn der Serie eigentlich gewachsen ist. Schauen wir uns das Gespräch mit Mycroft während der Doktor-Bibber-Partie an: Er wehrt Mycrofts Vorwurf, sich neuerdings mit Freunden und solcherlei „minderwertigen“ Individuen zu umgeben, nicht ab sondern erklärt ihm durch die Mütze seines Clienten indirekt, dass er sich verändert hat: Er trägt gerne dumme Hüte und steht zu seiner Eigenheit, aber das heißt nicht, dass er einsam sein muss, und zeigt Mycroft damit indirekt seine eigenen Schwächen auf.
    Und nicht nur gegenüber seinem Bruder, sondern speziell auch gegenüber Molly wird die Entwicklung extrem deutlich. Nicht nur, dass er zu ihr für Hilfe ging, als es um seinen Selbstmord ging – er bedankt sich bei ihr, indem er sie auf seine Abenteuer mit nimmt und ihr zeigen will, dass sie ihm wichtig ist. Er akzeptiert ihre Entscheidung, das in Zukunft nicht mehr zu tun, da es für sie zu verwirrend/schmerzhaft ist, da sie offenbar Gefühle für ihn hat und begrüßt ihren Freund am Ende ohne jeglichen Kommentar, obwohl die Ähnlichkeit der beiden offensichtlich ist. Der Sherlock der ersten Staffel, und selbst der Sherlock in A Scandal in Belgravia hätte sich nicht zurückhalten können, ihr die eigenen Fehler ins Gesicht zu schmeißen, aber dieser Sherlock hat gelernt und soziale Fähigkeiten entwickelt, und er achtet auf die Gefühle seiner Umgebung.

Zusammenfassend muss ich also sagen, dass ich diese Episode nicht mehr als schlecht oder gut einstufen kann. Die Dinge, die mich stören, sind nach wie vor eindeutig da, und dass sie mir grundsätzlich nicht gefallen hat wird auch nicht weg gehen – aber gleichzeitig bin ich so ein großer Fan von Charakterentwicklung, dass ich sie nicht mehr einfach so in den Boden stampfen kann.
Aber eins muss ich sagen, grafisch war die Folge, wie immer, der Oberhammer.